Texturanalyse
Ursprünglich wurde die Textur nur qualitativ durch Interpretation
von Polfiguren analysiert, die in den meisten Fällen röntgenographisch gemessen
wurden. Eine umfassende Darstellung der Anfangsperiode bis 1962 findet sich in
der Monographie "Texturen metallischer Werkstoffe" von G. Wassermann und J. Grewen [1].
Eine Polfigur Phkl gibt die Menge oder den Volumenanteil dV/V der Kristallite an, deren
kristallographische Richtungen <hkl> in bestimmte Richtungen (α, β) im Raum weisen:
dV/V=
Phkl(α, β) sinα dαdβ (1)
Die Referenzrichtungen im Raum
werden in der Regel entsprechend der Symmetrie der Probe, des
Herstellungsprozesses oder des Einsatzzwecks gewählt. Beispielsweise wählt man
im Fall von Walzblechen die Blechnormalenrichtung (NR, ND) und die Walzrichtung
(WR, RD). Graphisch wird die Häufigkeits- oder die Dichteverteilung in den
Raumrichtungen (α, β) auf der 3D Lagenkugel angegeben, die Lagekugel
wird aus praktischen Gründen meistens stereographisch in die 2D "Äquator"-Ebene
projiziert und „(normale) Polfigur“ genannt, Abb. 1.

Abb. 1 a) Die Lagekugel, eingezeichnet ist eine kristallographischen
Richtung [h k l] im Raum („Pol“ genannt) .
b) Die stereographische Projektion einer typischen Polfigur eines Walzblechs
Eine einzelne Polfigur gibt für alle Kristallite die Lagen der kristallographischen Richtungen <h k l> an.
Dabei kann jeder Kristallit beliebig um diese Richtung gedreht sein, ohne dass
das die Polfigur ändert. Zur Beschreibung der vollständigen Orientierung eines
Kristalls werden drei Orientierungswinkel gebraucht. Hierzu können die
Orientierungswinkel (α, β) einer herausgegriffenen
Kristallrichtung <hkl> sowie ein Drehwinkel γ um diese Richtung herum benutzt werden. Aus
mehreren Gründen ist es jedoch zweckmäßig, anstelle dieser drei Winkel die drei
sogenannten Eulerwinkel (φ1, Φ, φ2) zu verwenden, welche die
Drehung des Kristallkoordinatensystems in das Referenzsystem der Probe angeben.
Diese Winkel liegen der Orientierungsdichtefunktion, ODF, zugrunde.
Die Quantitative Texturanalyse
[2]
Die ODF gibt die Menge oder denVolumenanteil der Kristallite in der Orientierung (φ1, Φ, φ2)
an [3, 4]
Der multiplikative Faktor, der bei der Dichtefunktion f(g) = f (φ1, Φ, φ2) steht, berücksichtigt mit Φ die Größe des Volumenelements im
Orientierungsraum und mit 1/8π2
die Normierung der Texturfunktion auf . Die Orientierungsdichtefunktion
f(g) kann nicht direkt gemessen werden, sondern wird durch eine „Polfigurinversion“
(vorzugsweise durch Koeffizientenvergleich mit der Reihenentwicklungsmethode) aus
den gemessenen Polfiguren berechnet. Die Polfiguren werden dazu durch
Kugelflächenfunktionen , die f(g) durch verallgemeinerte
Kugelfunktionen dargestellt:
Die sind
Koeffizienten, die die Textur charakterisieren. Diese Koeffizienten sind
wichtig, da auf ihnen Formeln zur Berechnung des r-Wertes und der Fließortkurve
beruhen. Eine ausführliche Darstellung der Berechnung der
Orientierungsverteilungsfunktion aus Polfiguren wurde in [3, 4] gegeben.
Bei der Polfigurmessung kann die
Kristallrichtung [hkl] nicht von der Gegenrichtung unterschieden
werden („Friedel’sche Regel“). Das hat zur Folge, dass in Gl. (3) nur die
Koeffizienten mit geraden Werten des Index l bestimmt werden können. Die
Koeffizienten mit ungeraden l-Werten sind auf diese Weise unbestimmbar. Man
weiß zunächst nur, dass sie nicht negativ sein können, denn die ODF ist eine
Dichtefunktion. Würde man sie in Gl. (3) ignorieren, so erhielte man eine
verfälschte Orientierungsdichtefunktion. Bei Werkstoffen mit kubischer
Kristallsymmetrie ist der dadurch entstehende Fehler in der Größenordnung von
10 bis 20% des Maximalwertes der Textur.
Die „iterative Positivitätsmethode“ [5] ist ein Reihenentwicklungsverfahren,
das in vielen Fällen die Unbestimmbarkeit der ungeraden Koeffizienten überwindet
und somit die vollständige Funktion f(g) Gl. (3) liefert: Auch Polfiguren sind
Dichtefunktionen, so dass sie - wie die ODF - nur positive Werte aufweisen
dürfen. In den gemessenen Polfiguren werden also zunächst die nicht gemessenen
Bereiche auf 0 (oder einen (willkürlichen) positiven Wert) gesetzt. Daraus wird
nach der Reihenentwicklungsmethode eine ODF berechnet und aus dieser wiederum
neue Polfiguren. Im nächsten Iterationsschritt werden die gemessenen Bereiche dieser
Polfiguren mit den Messwerten aufgefüllt, während negative Werte auf 0 gesetzt werden, usw. Die Reihenentwicklungsmethode
mit Iteration und Positivitätsbedingung ermöglicht bereits nach wenigen
Iterationsschritten eine besonders kompakte mathematische Beschreibung der
Textur. Mit Kenntnis von wenigen C-Koeffizienten können unmittelbar
(anisotrope) Tensoreigenschaften des Vielkristalls ausgedrückt werden. Bei
kubischer Probensymmetrie, wie sie zum Beispiel in gewalzten Stählen vorliegt, genügen
bei der Berechnung von r-Werten und von Fließortkurven die Koeffizienten
niedriger Ordnung (bis l = 4). Für die Berechnung der Texturtransformation sind
auch die Koeffizienten höherer Ordnung der vollständigen ODF von Bedeutung.
An dieser
Stelle muss hervorgehoben werden, dass nicht nur das Vorhandensein und die
Stärke gewisser Vorzugsorientierungen für die Beurteilung der Textur wesentlich
sind, sondern auch das Fehlen oder die Unterrepräsentanz von Texturkomponenten
im Vergleich zu einer regellosen Orientierungsverteilung. Wenn beispielsweise
Körner mit Orientierungen im Gefüge fehlen, deren Gleitsysteme günstig zu einer
äußeren Beanspruchungsrichtung liegen, so kann die plastische Verformung
erheblich behindert sein. Ebenso werden Rekristallisation und Gefügeausbildung
bei einer Glühbehandlung durch das Fehlen bestimmter Orientierungen im
Ausgangsmaterial beeinflusst. Es genügt also in der Regel nicht, die Stärke
einiger weniger Vorzugsorientierungen als Charakteristikum der Textur
anzugeben. Abgesehen davon kann die Angabe von Volumenanteilen für die
identifizierten Texturkomponenten an der Gesamttextur selbst für dieselbe Probe
irreführend sein, wenn die Modellfunktionen in alternativen Inversionsverfahren
(z.B. Kugeln, Rotationsellipsoide im Orientierungsraum) nicht an die
tatsächlich vorliegenden Formen der einzelnen Komponenten angepasst werden. Die
Angabe eines Texturindex als Verhältnis der Intensitäten von
Beugungsinterferenzen aus einem θ − 2θ-Scan kann
stark fehlerbehaftet sein. Ein Vorteil der
Reihenentwicklungsmethode besteht darin, dass keine speziellen Modellfunktionen
für Vorzugsorientierungen verwendet werden und dennoch eine effiziente
quantitative Beschreibung, sowohl der Maxima als auch der Minima, der vollständigen
Orientierungsdichteverteilung in Form der C-Koeffizienten erzielt wird.
Graphisch wird dies durch die Darstellung der (berechneten) Polfiguren und der
ODF mittels Linien gleicher Belegungsdichte erreicht, die auf Vielfache der
regellosen Orientierungsverteilung normiert werden. Zweckmäßig ist dabei die
explizite Markierung des Niveaus, das der regellosen Textur entspricht.
Die Messung von Polfiguren
Die Messungvon Polfiguren erfolgt meistens mit Hilfe eines Texturgoniometers in
Bragg-Brentano-Geometrie [6]. Das Texturgoniometer ermöglicht es, den Bragg‘schen
Winkel θ einzustellen
und damit den beugenden Netzebenentyp {hkl} zu wählen, sowie die Probe durch
die gesamte Lagenkugel zu drehen, so dass alle Richtungen (α, β) der
Probe in Reflexionsstellung gebracht werden können. (Die Kippwinkel χ und Drehwinkel δ des Goniometers werden in Polarwinkel umgerechnet.)

Abb. 2 Moderne Texturgoniometer
werden durch digital gesteuerte Schrittmotoren angetrieben. Das Computerprogramm
erlaubt es, die Polfigur mit einer beliebig wählbaren Folge von Winkelwerten (αi, βi)
abzutasten, so dass für jedes Problem die optimale Messstrategie angewendet
werden kann.
1. Die Rückstrahlmethode
In Rückstreuung
an planen Proben gemessenen Polfiguren nimmt die Genauigkeit wegen der
Defokussierung der Bragg-Brentano-Geometrie [6] mit zunehmender Probenkippung ab.
Für Kippwinkel c >
70° kommen noch Abschattungen oder mechanische Begrenzungen des Kippbereichs
hinzu, so dass der äußere Rand der Polfigur nicht erfasst werden kann. Die
Rückstrahlmethode liefert sogenannte „unvollständige Polfiguren“ im
Winkelbereich 0° ≤ α ≤ 70°.
2. Die Transmissionsmethode
Auch in Durchstrahlung kann die Lagenkugel nicht vollständig gemessen werden, da es aus
apparativen Gründen ebenfalls zu Abschattungen kommt. Für große Kippwinkel wird
die Absorptionskorrektur unsicher, denn die effektive Probendicke nimmt extrem
zu.
Man erhält röntgenographisch
sowohl in Rückstreuung als auch in Durchstrahlung nur unvollständige Polfiguren
mit nicht gemessenen Bereichen am Rand bzw. im Zentrum. Über die nicht
erfassten Bereiche liegen zunächst keine Texturinformationen vor. Die
Normierung der Belegungsdichten auf 1 bezüglich der vollen Lagenkugel kann
daher nicht vorgenommen werden. Dieser Nachteil kann rechnerisch ausgeglichen
werden, wenn aus mehreren Polfiguren die Orientierungsdichtefunktion berechnet
wird.
3. Die röntgenographische Messung vollständiger Polfiguren
VollständigePolfiguren, welche die gesamte Lagenkugel abdecken, können nach einer zum Teil
sehr aufwändigen Probenpräparation röntgenographisch gemessen werden. Um sie in
einem einzigen Messvorgang zu erhalten liegt es nahe, aus der Probe eine kleine
Kugel, im Durchmesser von 100 - 500 μm entsprechend der Breite des Primärstrahls, herauszutrennen. Sie
muss bei der Messung vollständig in den primären Röntgenstrahl eintauchen.
Durch Drehung um zwei Achsen kann dann die Lagenkugel vollständig abgetastet
werden. Da sich die Absorption bei einer
kugelförmigen Probe nicht mit den Drehwinkeln ändert, braucht keine weitere
Korrektur vorgenommen zu werden. Die Normierung der Belegungsdichte auf
1 für die gesamte Lagenkugel genügt. Die Herstellung von sehr kleinen
kugelförmigen Proben ist jedoch schwierig und problematisch, weil bei der
Präparation die Textur verändert werden könnte oder die kleine Probe nicht
repräsentativ für das Werkstück ist. Kann, wie gut angenähert bei
Walzblechen, eine orthorhombische Probensymmetrie vorausgesetzt werden, so
genügt es, nur einen Quadranten der Polfigur zu messen. Handelt es sich zudem um
ein kubisch kristallines Material, so können spezielle Probenpräparationen
angewandt werden, die über das Blechvolumen integrieren:
Die erste Möglichkeit besteht in
der Herstellung einer würfelförmigen Probe und Messung der
(unvollständigen) Polfiguren in Reflexion nacheinander auf drei
zueinander senkrecht stehenden Seitenflächen. Diese können dann zu einer
vollständigen Polfigur zusammengesetzt werden. Eine über das Blechvolumen
integrierende Polfigurmessung am Längs- oder Querschliff statt parallel zur
Blechebene ist jedoch nur bedingt möglich, weil die Blechdicke selten zu
ausreichend großen Messflächen führt. Messtechnisch weniger aufwändig
ist die Schrägschnittmethode, nur wird jetzt an einer Fläche
gemessen, die senkrecht zur Richtung α0
= 54,74°, β0 =
45° steht [7]. Das ist die Raumdiagonale des aus Walzrichtung, Querrichtung und
Normalrichtung gebildeten Würfels. Die in Reflexion aufgenommene
röntgenographische Polfigur mit Kippwinkeln α
von 0° bis 65° deckt bereits praktisch einen ganzen Quadranten in der stereographischen
Projektion ab, Abb. 3. Für diese Kippwinkel ist in Reflexion die
Absorptionskorrektur nicht unbedingt erforderlich. Da bei Blechen die vier
Quadranten symmetrisch gleichwertig sind, liefert die Schrägschnittmethode
somit vollständige Polfiguren. Weil die Messung jetzt an einer schräg liegenden
Fläche erfolgt, ist noch eine Koordinatentransformation erforderlich, die die
Resultate in die Bezugsebene, die Blechebene, zurücktransformiert. Diese Fläche
enthält den gesamten Blechquerschnitt und ist also repräsentativ für das
gesamte Blechvolumen. Ihre Ergebnisse stimmen wesentlich besser mit
r-Wert-Messungen am gesamten Blech überein.

Abb. 3 Eine Schrägschnittprobe ermöglicht die Messung eines vollständigen
Polfigurquadranten in Reflexion.
Die Größe der so angeschnittenenFläche im Blech ist jedoch meistens für die Messung noch zu klein. Deshalb
werden mehrere Bleche übereinandergestapelt, so dass eine Kompositprobe
entsteht, an der dann die genannte Fläche angeschnitten wird. Zunächst werden
quadratische Abschnitte des Blechs zu einem Würfel seitenrichtig so aufeinandergestapelt
und verklebt, dass die Walzrichtung und Blechnormale der Blechstücke parallel
zueinander verlaufen. Dann wird eine Ecke des Würfels zu einer Fläche
abgeschrägt, so dass die Flächennormale in der Würfeldiagonalen liegt und zuden Achsen NR, WR und QR des Blechs den Winkel von 54°44' bildet.
Früher wurden auch sich ergänzende Rückstreu- und Durchstrahlungspolfiguren von möglichst derselben
Probenstelle kombiniert, so dass sie sich zu vollständigen Polfiguren überlagern
ließen. Die Anpassung der Intensitäten ist schwierig, da der
Überlappungsbereich relativ schmal und die Normierung der Belegungsdichten
nicht möglich ist. Die Erzeugung vollständiger
Polfiguren ist heute nicht mehr erforderlich. Bereits aus wenigen unvollständigen,
experimentellen Polfiguren kann die dreidimensionale
Orientierungs-Dichte-Funktion (ODF) zum Beispiel mit der iterativen
Reihenentwicklungsmethode berechnet werden. Aus ihr lassen sich beliebige, auch
nicht messbare Bereiche und vollständige Polfiguren mit hoher Genauigkeit
berechnen.
4. Die Polfigurmessung mit Synchrotron- undNeutronenstrahlen
Texturuntersuchungen können in ganz ähnlicher Weise wie mit
Röntgenstrahlen auch mit Neutronenstrahlen oder harter Synchrotronstrahlung
durchgeführt werden. Die Messprinzipien stimmen weitgehend überein. An den
meisten Forschungsreaktoren stehen Beamlines mit Vierkreisdiffraktometern für
Einkristall-Untersuchungen zur Verfügung. Diese sind praktisch identisch mit
Texturgoniometern. Es ist lediglich ein anderes Steuerprogramm erforderlich. Allerdings
sind Verfügbarkeit und Messzeit an Teilchenbeschleunigern und
Forschungsreaktoren der Großforschungsanlagen sehr begrenzt. Ein Vorteil der Neutronenbeugung [8] und der Beugung mitharter Synchrotronstrahlung gegenüber der Röntgenstrahlung liegt in der
wesentlich größeren Eindringtiefe. Sie ist für Eisen in der Größenordnung von
einigen Zentimetern verglichen mit etwa einigen 10 µm für Röntgenstrahlen.
Daraus resultieren spezifische Vorteile:
1. Es können
Proben mit technisch relevanten Blechstärken (von einigen Millimetern) durchstrahlt werden. Die Beugung mit Neutronen oder harter Synchrotronstrahlung
liefert daher ohne zusätzliche Maßnahmen die für die mechanischen Eigenschaften
der Bleche relevante Gesamttextur.
2. Weil das
durchstrahlte Volumen größer ist, ist die statistische Relevanz der Messergebnisse
viel höher. Da die reflektierte Strahlung aus Volumenbereichen kommt, deren
Abmessungen im Millimeterbereich liegen, wirken sich Präparations- und
Justierfehler wesentlich weniger aus als bei der Röntgenbeugung. Durch
Verwendung sogenannter "Kugelproben", die häufig nur in grober Näherung Kugeln sein müssen,
wird eine an sich schon sehr kleine Absorptionskorrektur überflüssig. Die mit
dieser Methode erhaltenen Resultate sind daher wesentlich genauer als die durch
Röntgenbeugung erhaltenen.
3. Eine weitere
einzigartige Möglichkeit bietet die Neutronenbeugung für die Untersuchung
magnetischer Proben.
5. Inhomogene Texturen
Wegen der starken Absorption von Röntgenstrahlung in Materie kann in der Rückstrahlung nur eine dünne Oberflächenschicht
der Probe (10 – 100 µm) untersucht werden. Die Textur in der Tiefe muss daher durch
Abtragen von Oberflächenschichten ermittelt werden. Das ist insbesondere dann
wichtig, wenn die Textur inhomogen ist, also von der Oberfläche zur Mitte hin
variiert. Dies ist bei Walzblechen häufig der Fall. Die Untersuchung des
gesamten Texturprofils in Schichten von der Oberfläche bis zur Blechmitte ist
sehr aufwändig. Daher werden Untersuchungen mit der Rückstrahlmethode meistens
auf die Blechmitte beschränkt. Das Blech wird dann von der Oberfläche her bis
zur Blechmitte abgetragen. Die so erhaltene Textur ist die Blechmittentextur. Wenn
die Textur mit dem r-Wert des gesamten Blechs verglichen werden soll,
dann ist die Blechmittentextur nicht repräsentativ.
Die Polfigurmessung mit Röntgen-,
Synchrotron- und Neutronenstrahlen zielt auf integrale Bestimmung der
gemittelten Textur in großen Probenvolumina ab. Lokale Inhomogenitäten im
Mikrobereich werden wegen der begrenzten Ortsauflösung nicht erfasst. Für diese
Untersuchungen sind ortsauflösende Sondenmethoden und insbesondere die
Elektronenmikroskopie zuständig (TEM [9] und EBSD).
1 G. Wassermann und J. Grewen: Texturen metallischer Werkstoffe.
Springer Verlag, Berlin 1962
2 H.J. Bunge und C. Esling (Hrsg.): Quantitative Texture Analysis.
Deutsche Gesellschaft für Metallkunde & Société Francaise de Métallurgie,
Oberursel 1986, ISBN 3-88355-103-1
3 H.J. Bunge: Mathematische Methoden der Texturanalyse.
Akademie-Verlag Berlin 1969
4 H.J. Bunge: Texture Analysis in Material Science - Mathematical Methods. Butterworths London 1982, ISBN 0-408-10642-5
5 M. Dahms und H.J. Bunge: ODF Calculation by
Series Expansion from Incompletely Measured Pole Figures Using the Positivity
Condition Part II - All Crystal Symmetries. Textures and Microstructures 8 & 9
(1988) 97-114
6 L. Spieß, G. Teichert, R. Schwarzer, H. Behnken und C. Genzel: Moderne Röntgenbeugung. Springer Spektrum, Wiesbaden 2019 ISBN 978-3-8348-1219-3
7 S.L.Lopata und E.B. Kula: A reflection method for pole-figure determination. Transactions of the Metallurgical Society of A.I.M.E. 224 (1962) 865-866
8 H.J. Bunge: Advantages of neutron
diffraction in texture analysis. Textures and Microstructures 10 (1989) 265-307
9 R.A.
Schwarzer: Measurement
of local textures with transmission and scanning electron microscopes. Textures and Microstructures 13 (1990) 15-30
Energiedispersive Beugung mit der Röntgenrasterapparatur
Texturkartographie und Röntgen-Mikrofluoreszenzanalyse
Die energiedispersive Röntgenbeugung (ED XRD) ist eine äußerst vielseitige Methode [1]. Aus der Verschiebung und der Verbreiterung der Beugungspeaks können lokale Gitterdehnungen mit guter
Ortsauflösung ermittelt werden. Das Verfahren ist somit eine Grundlage für die Messung lokaler Eigenspannungen erster und zweiter Art. ED XRD ermöglicht die ortsaufgelöste Messung von Pofiguren [2] und
Elementkonzentrationen (Mikro-Röntgen-Fluoreszenz-Analyse, Mikro-RFA). Die Funktion eines energiedispersiven Detektors entspricht einem ortsempfindlichen Detektor in der konventionellen Röntgenbeugung. Für die Energie von
Beugungspeaks gilt nach der Bragg-Gleichung Ehkl =
n h c/(2 dhkl sin ϑ). Dabei
ist h die Plancksche Konstante und c die Lichtgeschwindigkeit, dhkl sind
die Netzebenenabstände. Der Winkel 2θ zwischen
dem "weißen" Primärstrahl und dem Blickwinkel des Detektors ist für
alle Reflexe eine Konstante. Die Trennung der Peaks erfolgt
energiedispersiv. Der Detektor misst die Intensität an einem so vorgegebenen Polfigurpunkt P(α, β) simultan für mehrere Netzebenen {hkl}, welche die Bragg-Bedingung erfüllen.
Nach
erfolgreichen ersten Versuchen [3] wurde eine Röntgen-Rasterapparatur
aufgebaut und zu einem leistungsfähigen automatischen Messsystem
entwickelt, das speziell die Untersuchung der Verteilung der lokalen
Textur in frei in Größe und Form definierbaren Probenbereichen ermöglicht [4]. Sie besteht aus einem kommerziellen Röntgengenerator und einer offenen rechnergesteuerten Eulerwiege mit x-y Probentisch (Philips X'Pert).
Der energiedispersive Detektor, zum Beispiel ein Peltier-gekühlter Bruker
X'Flash-Detektor, ist auf den 2θ-Kreis des Goniometers montiert.
Für die Texturkartographie muss die globale Textur mit ihren Vorzugsorientierungen bereits im Voraus bekannt sein. Daher sind vor der eigentlichen Texturkartographie zunächst Polfigurmessungen und eine Texturanalyse mit Bestimmung der ODF (Orientierungsverteilungsfunktion) durchzuführen. Ein Umsetzen und Nachjustieren der Probe ist in dem hier entwickelten Kombinationsgerät nicht erforderlich. In der Regel werden die Polfiguren mit
einer
Ortsauflösung von etwa 0,2 bis 4 mm aufgenommen. Dadurch erhält man einen Überblick über die wichtigsten kristallographischen Vorzugsrichtungen bezogen auf einen ausgewählten Bereich der Probe. Einzelne interessierende Polfigurpunkte, die bestimmten Richtungen der Netzebenennormalen entsprechen, werden dann für die Texturkartographie ausgewählt. Meist sind dies signifikante Maxima in der Polfigur, die auf eine Vorzugsorientierung bestimmter Kristallite hinweisen. Entsprechend
dieser Polfigurmaxima
werden dann Dreh- und Kippwinkel der Probe in der Eulerwiege eingestellt. Die örtliche Verteilung dieser Poldichten wird durch eine Rastermessung
aufgenommen (= Texturkartographie), indem die Probe bei feststehender Goniometereinstellung und unter der feststehenden Röntgensonde
schrittweise verschoben wird. Die Schrittweite des frei definierbaren Probenmessrasters des rechnergesteuerten x-y Probentisches ist an
den Durchmesser der Röntgensonde auf der Probenoberfläche angepasst.
In der Dissertation von Armin Fischer [5] wird an einem breiten Spektrum von Beispielen gezeigt, dass Texturinhomogenitäten in nahezu allen Materialien auftreten, die einen Verformungs- oder Wärmebehandlungsprozess durchlaufen haben. Beispiele sind eine Münzprägung, Schlagbuchstaben in einem massiven Aluminiumblech, eine gratgewalzten Probe, ein gewalzter Titan-Nickel-Einkristall, eine Elektronenstrahl-Schweißnaht,
eine Reibschweißnaht, ein warmstranggepresster und anschließend kaltgezogener Kupfer-Eisen-Verbundwerkstoff sowie eine Gesteinsfaltung in einer geologischen Hämatit-Probe. Für einen Aluminium-Niet wird neben der Texturverteilung auch die Verteilung der lokalen Gitterdehnungen mit guter Ortsauflösung gemessen und kartographiert. In Materialien, die mehrere Elemente enthalten, kann simultan zur Texturverteilung die Elementverteilung lokal bestimmt werden (Mikro-RFA).
Die Ortsauflösung ist in allen Anwendungsfällen vom verwendeten
Durchmesser der Primärstrahlblende abhängig und beträgt etwa 20 bis 100
µm. Noch kleinere Blendendurchmesser sind mit konventionellen
Röntgen-Generatoren aus Intensitätsgründen nicht praktikabel.
Eine
Kapillaroptik im Primarstrahl kann bei kleinen Sonden zu einem
wesentlichen Intensitätsgewinn führen. Allerdings wäre die Beschneidung
des kontinuierlichen Primärstrahlspektrums durch die spektrale Filterwirkung ein Nachteil für ED XRD. Eine sehr hohe Ortsauflösung unter 0,1 µm wird in der energiedispersiven Beugung mit Synchroton-Strahlung erreicht. Ein großes
Potential versprechen energiedispersive Multiarray-Detektoren. Synchotron-Apparaturen sind in der materialwissenschaftlichen Forschung zu einem enormen Beitrag in der Lage. Sie stehen aber weltweit
nur einer Handvoll Wissenschaftlern zur Verfügung.
Trotz der
schnellen Weiterentwicklung elektronenmikroskopischer Texturmessverfahren
können in einigen Anwendungen die Texturverteilungen nur mit einer
Röntgenrasterapparatur untersucht und in Verteilungsbildern kartographiert werden. Beispiele sind stark verformte, sehr feinkörnige oder für die
Elektronenmikroskopie ungeeignete Proben, wenn diese nicht vakuumfest sind oder durch den Elektronenbeschuss zerstört werden.
_______
[1] E. Laine und I. Lähteenmäki: The energy dispersive X-ray diffraction method: Annotated bibliography 1968-78.
Journal of Materials Science 15 (1980) 269-277
[2] J.A.
Szpunar: Energy dispersive diffractometry for quantitative texture
studies.
Textures and Microstructures 12 (1990)243-247
[3] Download R.
Schwarzer: Röntgen-Rasterapparatur zur Aufnahme von
Textur-Verteilungsbildern mittels energiedispersiver Beugung.
BEDO 22 (1989) 283-288
[4] Download R.A.
Schwarzer: Texture mapping by scanning X-ray diffraction and related
methods. pp. 50-65
in: A.K. Singh (ed.): Advanced X-ray Techniques in Research and Industry.
IOS Press, Amsterdam, The Netherlands, 2005 ISBN: 1-58603-537-1
[5] Download A.H.
Fischer: Ortsaufgelöste Polfigurmessung, Texturkartographie und Mikro-Fluoreszenzanalyse. Dissertation, TU Clausthal, 1998
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